Ein Titici Gravelbike im Test muss mehr zeigen als ein schönes italienisches Carbon-Chassis. Es muss auf losem Schotter Ruhe bewahren, auf Asphalt nicht träge wirken und nach vier Stunden im Sattel noch überzeugen. Genau dort setzt das Titici Relli an: als sportliches Gravelbike für Fahrerinnen und Fahrer, die nicht zwischen Design, Komfort und Vortrieb wählen möchten.
Titici baut keine Räder für den anonymen Kompromiss. Die Marke aus Asola steht für auffällige Rohrformen, viel Carbon-Know-how und eine klare Idee davon, wie ein schnelles Rad sich anfühlen soll. Das Relli trägt diese Handschrift sichtbar – und vor allem spürbar.
Titici Gravelbike im Test: Was das Relli besonders macht
Das zentrale Merkmal ist die PAT-Technologie. PAT steht für Plate Absorber Technology und beschreibt die charakteristische, abgeflachte Zone am Oberrohr. Sie soll Schwingungen aufnehmen, bevor diese an Hände, Schultern und Rücken weitergegeben werden. Das ist kein Ersatz für passende Reifen oder ein gutes Setup. Auf langen Schotterpassagen bringt diese Konstruktion aber eine angenehme Entlastung, ohne dass sich der Rahmen weich oder unpräzise anfühlt.
Das Relli bleibt ein Performance-Gravelbike. Der Rahmen wirkt kompakt, das Steuerverhalten direkt und die Sitzposition sportlich. Wer von einem modernen Endurance-Rennrad kommt, findet sich schnell zurecht. Wer dagegen ein maximal aufrechtes Reisefahrrad mit vielen Taschenaufnahmen und Expeditions-Charakter sucht, wird sich vermutlich bei einem anderen Konzept wohler fühlen.
Gerade diese klare Positionierung macht das Rad interessant. Es ist nicht darauf ausgelegt, alles irgendwie zu können. Es will zügig gefahren werden: auf schnellen Forstwegen, harten Alpenausläufern, welligen Verbindungsstücken und Asphaltpassagen, auf denen ein schwerfälliges Gravelbike Energie kostet.
Fahrgefühl: lebendig statt nervös
Auf der ersten festen Schotterpassage zeigt das Relli seine Stärke. Es lenkt präzise ein, hält die Linie zuverlässig und vermittelt viel Rückmeldung vom Untergrund. Das fühlt sich sportlich an, aber nicht hektisch. Voraussetzung ist allerdings, dass der Luftdruck stimmt. Mit zu hart aufgepumpten Reifen wird jedes Carbonrad unnötig unruhig – auch eines mit cleverer Dämpfungszone im Oberrohr.
Mit einem voluminösen Tubeless-Reifen im Bereich von etwa 40 bis 45 Millimetern entsteht ein sehr stimmiges Gesamtbild. Kleine Kanten verlieren ihren Schrecken, während das Bike beim Antritt nicht schwammig wird. Besonders auf typischen Münchner Runden – Asphalt zum Isarufer, Schotter durch den Forstenrieder Park, schnelle Feldwege Richtung Süden – spielt diese Mischung ihre Qualitäten aus.
Im Wiegetritt reagiert das Relli unmittelbar. Das Tretlager vermittelt Stabilität, ohne das Rad unnötig hart wirken zu lassen. Auf Asphalt macht sich die sportliche Ausrichtung ebenfalls bemerkbar: Das Bike rollt willig, beschleunigt sauber und fordert nicht dazu auf, bei jeder glatten Passage Tempo herauszunehmen. Für Fahrer, die ihr Gravelbike auch als schnelles Allroad-Rad nutzen, ist das ein gewichtiges Argument.
Komfort kommt nicht allein vom Rahmen
Die PAT-Technologie ist sinnvoll, darf aber nicht zur Wunderwaffe erklärt werden. Entscheidend bleibt das Zusammenspiel aus Reifenbreite, Karkasse, Druck, Laufrädern, Lenkerform und Sitzposition. Ein zu schmaler Reifen mit hohem Druck nimmt dem Relli einen Teil seiner Gelassenheit. Eine überstreckte Position kann dagegen selbst auf dem komfortabelsten Rahmen zu tauben Händen führen.
Genau deshalb lohnt sich bei einem Rad dieser Klasse eine saubere Abstimmung vor dem Aufbau. Rahmenhöhe nach Tabellenwert ist nur der Startpunkt. Reach, Stack, Vorbaulänge, Lenkerbreite, Kurbellänge und Sattelposition entscheiden darüber, ob aus einem sehr guten Rahmen ein wirklich passendes Rad wird.
Geometrie und Handling: Für wen passt die sportliche Linie?
Das Relli richtet sich an Fahrerinnen und Fahrer, die ein aktives Handling mögen. Es verlangt keine permanenten Korrekturen, vermittelt aber deutlich mehr Dynamik als ein langes, sehr laufruhiges Adventure-Gravelbike. In engen Kurven, bei schnellen Richtungswechseln und auf wechselndem Untergrund ist das ein Vorteil.
Wer überwiegend technische Singletrails fährt, wird allerdings Grenzen spüren. Dafür ist das Relli nicht gemacht, und das ist keine Schwäche. Ein flacherer Lenkwinkel, extrem lange Geometrie und noch mehr Reifenvolumen wären für grobes Gelände sinnvoll, würden aber den klaren, schnellen Charakter auf Asphalt und festem Schotter verändern.
Auch beim Gepäck gilt: Für eine schlanke Rahmentasche, Verpflegung, Windweste und Tools ist das Konzept bestens geeignet. Wer regelmäßig mit schwerem Camping-Setup mehrere Tage autark unterwegs sein möchte, sollte Befestigungsmöglichkeiten und gewünschte Zuladung im Detail prüfen. Das Relli ist eher ein Bike für anspruchsvolle Tagestouren, schnelle Overnighter und lange Events als für die voll bepackte Weltreise.
Aufbau entscheidet: GRX, elektronische Schaltung oder 1x?
Ein Titici-Rahmen lebt davon, passend aufgebaut zu werden. Eine Shimano GRX-Gruppe liegt nahe, weil sie unter Gravel-Bedingungen zuverlässig schaltet und ergonomisch gut funktioniert. Ob mechanisch oder elektronisch, hängt weniger vom Prestige als vom Einsatz ab. Mechanische Schaltungen sind unkompliziert und direkt. Elektronische Varianten liefern hohe Schaltpräzision und lassen sich bei einem Premium-Aufbau sehr sauber integrieren.
Bei der Übersetzung ist 1x die konsequente Wahl für viele sportliche Gravel-Runden. Sie spart Komplexität, hält die Bedienung einfach und bietet mit einer breit abgestuften Kassette ausreichend Bandbreite. Wer regelmäßig sehr lange Asphaltanteile fährt oder bei Alpenpässen jede feine Abstufung schätzt, kann mit 2x besser bedient sein. Es gibt hier keine pauschal richtige Lösung – nur eine, die zum Terrain, zur Leistung und zur persönlichen Trittfrequenz passt.
Bei den Laufrädern lohnt sich der Blick über das Gewicht hinaus. Ein guter Gravel-Laufradsatz muss präzise lenken, seitliche Belastungen wegstecken und mit breiten Tubeless-Reifen harmonieren. Eine zu schmale Felge verschenkt Reifenform und Kontrolle. Eine sehr leichte, aber nachgiebige Konstruktion kann dem direkten Charakter des Relli wiederum etwas von seiner Klarheit nehmen.
Kleine Teile, großer Unterschied
Cockpit und Kontaktpunkte sind bei einem individuellen Relli-Aufbau keine Nebensache. Ein Lenker mit moderatem Flare kann auf Schotter deutlich mehr Sicherheit geben, ohne auf der Straße unbequem zu werden. Die richtige Sattelbreite und eine passende Kurbellänge helfen, Leistung über Stunden sauber auf das Pedal zu bringen.
Auch eine versenkbare Sattelstütze kann je nach Revier sinnvoll sein. Für schnelle, offene Schotterstrecken ist sie kein Muss. Wer steile, lose Abfahrten und technische Passagen aktiv sucht, gewinnt damit Bewegungsfreiheit und Sicherheit. Wichtig ist, dass solche Entscheidungen aus dem Fahrprofil entstehen – nicht aus einer Ausstattungsliste.
Verarbeitung und Design: typisch Titici, bewusst eigenständig
Titici-Rahmen erkennt man sofort. Das ist in einer Zeit austauschbarer Carbonformen erfrischend. Das Relli wirkt nicht wie ein Rennrad, dem etwas breitere Reifen montiert wurden, sondern wie ein eigenständiges Gravelbike mit italienischer Formsprache. Die Übergänge, das Oberrohr und die Linienführung geben dem Rad Charakter, ohne es optisch zu überladen.
Die Verarbeitung muss bei einem Premiumrahmen freilich mehr leisten als gut auszusehen. Entscheidender sind saubere Integration, durchdachte Leitungsführung, präzise Lagerpassungen und eine alltagstaugliche Zugänglichkeit bei Servicearbeiten. Beim individuellen Aufbau lässt sich außerdem vermeiden, dass ein hochwertiger Rahmen mit Komponenten kombiniert wird, die nicht zum Anspruch oder Einsatzzweck passen.
Unser Eindruck: Ein Gravelbike für klare Ansprüche
Im Test überzeugt das Titici Relli vor allem dann, wenn man es als das versteht, was es ist: ein schnelles, charakterstarkes Carbon-Gravelbike mit echter Langstreckenkompetenz. Die Kombination aus direktem Handling und spürbarer Entlastung auf rauem Untergrund funktioniert. Der Rahmen belohnt aktive Fahrer, die Tempo machen, Linien bewusst wählen und ihr Material gern genau abstimmen.
Der Preis für diese Sportlichkeit ist eine weniger universelle Ausrichtung. Für schweres Bikepacking, sehr technisches Terrain oder einen rein komfortorientierten Einsatz gibt es passendere Plattformen. Für ambitionierte Gravel-Fahrer, die von der Feierabendrunde bis zum langen Event ein leichtes, eigenständiges und präzise fahrendes Bike suchen, ist das Relli dagegen eine ausgesprochen spannende Wahl.
In der Bikelounge München würden wir deshalb nicht mit der Frage beginnen, welche Farbe oder Gruppe es sein soll. Spannender ist: Wo soll dein Relli schnell sein, wie lange sitzt du im Sattel und wie viel Komfort brauchst du wirklich? Wenn diese Antworten stimmen, wird aus einem besonderen Rahmen ein Rad, das man nicht nur gern anschaut, sondern bei jeder Ausfahrt bewusst fährt.
